Ich weiss wer ich bin

«Als Ranis Mutter ihr erstes Kind zur Welt brachte, war es zur allgemeinen Enttäuschung ein Mädchen. Als sie dann ein zweites Mädchen gebar, verwandelte sich die Enttäuschung der Grossfamilie in Verzweiflung.»

Die Existenz des zweiten Mädchens war eine solche Beschämung, dass ihr nie ein Name gegeben wurde. Erst nach einer Nahtoderfahrung (Vergiftung durch eine Tante), erhielt die namenlose Tochter im Alter von sieben Jahren endlich einen Namen: Rani.

Rani weigerte sich, ihr Geschlecht über ihr Schicksal bestimmen zu lassen. Ihr wurde gesagt, dass sie als Mädchen, nach der siebten Klasse mit der Schule aufhören müsse. Sie wusste jedoch, dass Bildung ihr helfen könnte, sich von der Diskriminierung und den Nachteilen, denen sie ausgesetzt war, zu befreien. Sie begann auf den Feldern zu arbeiten, um für ihre eigene Ausbildung zu bezahlen. Nach ihrem Abschluss lernte sie nähen und wurde Schneiderin und finanzierte sich so ihren Weg durch die Universität.

Heute hat Rani zwei Master-Abschlüsse. Rani weiss, wie hart es ist, als Mädchen in Indien geboren zu sein und hat ihr Leben der Aufgabe gewidmet, anderen Frauen zu helfen, die ebenfalls Ungerechtigkeit und Missbrauch ausgesetzt sind. Durch die Präferenz von Jungen, fehlen in Indien 63 Millionen Frauen und mehr als 21 Millionen gelten als ungewollt in deren Familien.

Von Alpträumen zum friedlichen Schlaf

Kalas Geschichte

Die sechsjährige Kala* wachte fast jede Nacht schreiend auf. Alpträume plagten sie immer wieder. Unfähig zu schlafen, zitternd vor Angst, fürchtete sich Kala jeden Abend schlafen zu gehen.

Aber das war noch bevor sie im Pratigya (Mädchenschutzhaus) wohnte.

Kala wurde als Dalit (Unberührbare) geboren. Ihre Eltern arbeiteten als Latrinenreiniger, sie beseitigten menschliche Exkremente von Hand. Eine demütigende und unmenschliche Aufgabe, bei welcher nicht mehr als 7 Rupien (10 Rappen) pro Tag erarbeitet werden können. Als gesellschaftlich Ausgegrenzte, waren ihre Eltern verzweifelt. Sie wollten unbedingt die Gunst ihrer Götter verdienen, in der Hoffnung, dass sich ihre Lebenssituation verbessern würde. Kala war ein hübsches Baby. Als die Dorfbewohner den Vorschlag machten Sie als Jogini den Göttern zu weihen, stimmten ihre Eltern zu.

Joginis werden einer Göttin geweiht wenn sie noch sehr jung sind. Das ist zwar illegal, aber dennoch ein weitverbreitetes Ritual in Teilen von Indien. Es handelt sich hier um ritualisierte Prostitution. Sobald eine Jogini ihre Pubertät erreicht, wird sie für jeden Mann in ihrem Dorf sexuell verfügbar. Ein Leben als Jogini ist fast unvorstellbar. Sexuell übertragbare Krankheiten sind weitverbreitet. Joginis können sich auch keine Fähigkeiten aneignen, mit denen sie ein Leben mit Würde führen könnten. Heute wird geschätzt, dass diese Form der Ausbeutung mindestens 250‘000 Frauen in Indien betrifft!

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Kala schien für dieses Elend bestimmt zu sein: Ausgeschlossen… Ungebildet… Ausgestossen… Ausgebeutet… Glücklicherweise kam es nicht soweit. Eine von unserer Anti-Menschenhandel Sozialarbeiterinnen erfuhr von Kalas bevorstehenden Weihe und intervenierte sofort. Gemeinsam mit mehreren Aktivisten im Dorf (darunter auch einige ehemalige Joginis) plädierte sie mit Kalas Eltern die Weihe zu stoppen. Sie einigten sich mit ihren Eltern darauf Kala an einen sicheren Ort zu schicken.

Heute lebt Kala im Pratigya (Mädchenschutzhaus). Unter der liebevollen Fürsorge der Hausmutter und ihrer DFN Schullehrer, ist Kala vom einen erschrockenen Kind zu einer selbstbewussten und engagierten jungen Frau erblüht. Sie hat Träume, aber keine Alpträume mehr. Heute träumt sie davon Lehrerin zu werden, zu heiraten und eine eigene Familie zu starten.  

Wir freuen uns, dass Kala vom grauenvollen Leben einer Jogini bewahrt wurde. Aber es gibt noch so viele die in dieser Ausbeutung gefangen sind. Lassen Sie uns Massnahmen ergreifen, um weitere Weihen zu verhindern.

Spenden Sie hier für unser Pratigya Mädchenschutzhaus 

Ob Gross oder Klein, mit Ihrer Spende helfen Sie Mädchen wie Kala.

Gemeinsam stoppen wir den Dalit-Menschenhandel!

  * Kalas Identität wurde zu ihrem Schutz geändert. Die Fotos sind von einer Nachstellung einer Jogini-Weihzeremonie.